Donnerstag, 5. November 2026

Bozen, Teil 2 – Seilbahn und Überlandstraßenbahn

Alle reden von der Renaissance der Straßenbahn oder dem Einsatz von Seilbahnsystemen als Teil des ÖPNV – für Bozen ein alter Hut.

Die Historie

Um die Jahrhundertwende war das Hochplateau des Ritten bereits ein renommierter Ort für die "Sommerfrische" wohlhabender Bozner Bürger. Die Anreise mit Pferdefuhrwerken über steile Wege war jedoch beschwerlich. Die Geschichte einer modernen Verkehrsverbindung zwischen Bozen und dem Ritten begann 1907 mit einer legendären Schmalspurbahn. Das technisch Besondere war das dreigeteilte System, das ohne Umsteigen bewältigt wurde: Vom Waltherplatz fuhr die Bahn als elektrischer Triebwagen ein kurzes Stück durch die Stadt bis zur Station Rittner Bahn. Für die weitere, 4,1 km lange Steigungsstrecke nach Maria Himmelfahrt mit 1.000 m Höhenunterschied wurde eine Zahnradlokomotive hinter den Triebwagen gespannt, die den Zug mit 7 km/h nach oben schob. In Maria Himmelfahrt wurde die Zahnradlok abgekoppelt und der Triebwagen befuhr aus eigener Kraft die flache Panorama-Strecke über Oberbozen nach Klobenstein. 

Historischer Triebwagen 1987 am Bahnhof Klobenstein

Die zeitintensive Zahnradstrecke war in den 1960er-Jahren nicht mehr zeitgemäß und wurde nach einem schweren Unfall eingestellt.

Seit dem 14. Juli 1966 ersetzt eine klassische Seilbahn die Zahnradbahn mit der Talstation auf dem Gelände des ehemaligen Rittner Bahnhofs. Mit der beachtlichen Streckenlänge von 4.565 m galt sie 1966 als eine der längsten Personenseilbahnen der Welt. Die Pendelbahn mit nur zwei gegenläufigen Kabinen hatte eine Kapazität von nur 250 Personen pro Stunde. Nach über 40 Jahren Betrieb und mehr als einer Million Fahrgästen war die Kapazitätsgrenze endgültig erreicht. Im September 2007 trat sie ihre letzte Fahrt an.

Am 23. Mai 2009 wurde die heutige Rittner Seilbahn als eine der ersten modernen Dreiseil-Umlaufbahnen eröffnet. Die Fahrzeit zwischen Bozen und Oberbozen beträgt 12 Minuten. Durch den abwechslungsreichen Blick auf den Bozener Talkessel mit der Altstadt, sowie Weinberge und Almwiesen im Vorfeld des Ritten ist die Fahrt kurzweilig. 

Blick aus der Seilbahn auf die Talstation und den Bahnhof Bozen

"Überlandfahrt" auf dem Weg nach Klobenstein

Bergstation Klobenstein

Statt starrer Fahrzeiten erlauben die 10 rundum verglasten Kabinen einen dichten Takt von bis zu 4 Minuten. Die Förderleistung erreicht damit  720 Personen pro Stunde. Selbst bei starker Nachfrage ergeben sich nur geringe Wartezeiten.

Bürgerproteste und der touristische Wert verhinderten die Stilllegung der flachen Panoramastrecke von Oberbozen nach Klobenstein. In den 1980er/90er Jahren wurde die Bahn modernisiert, behielt aber ihren nostalgischen Charme. 

Bergstation der Seilbahn mit wartendem Zug der Rittnerbahn

In Oberbozen besteht ein direkter Übergang von der Seilbahn zur Rittnerbahn. Die Kombination hochleistungsfähige Seilbahn – nostalgische Überlandbahn führt seit 2009 zu einem Fahrgastboom auf dieser attraktiven Strecke durch die alpine Kulturlandschaft mit Aussicht auf das Schlernmassiv mit der Santnerspitze als Landmarke. 

Blick auf das Schlkernmassiv

Heute verkehren moderne Triebwagen, unter anderem ausgemusterte Bahnen aus St. Gallen/ Schweiz, und zu besonderen Anlässen Original-Holzwaggons von 1907 – sie gelten als die ältesten noch im regelmäßigen Dienst stehenden Straßenbahnwagen der Welt (siehe oben). 

Triebwagen mit dem Empgangsgebäude im Bahnhof Klobenstein

Die Seilbahn ist keine touristische Seilbahn mit den üblichen hohen Fahrpreisen, sondern ist integraler Bestandteil des ÖPNV-Systems in Bozen. Eine Bergfahrt kostet 8,50 EUR, mit Seilbahn/ Zug von Bozen bis Klobenstein 12,50 EUR bzw. 13,50 EUR und 20,50 EUR für die Hin- und Rückfahrt. Das "normale" Monatsabo kostet 39,00 EUR. Der Clou ist jedoch: Mit dem Südtiroler Gästepass, den die teilnehmenden Beherbergungsbetriebe kostenlos an ihre Gäste ausgeben, kann der ÖPNV in ganz Südtirol kostenlos benutzt werden, so auch die Seilbahn und Rittnerbahn. Teil des ÖPNV zu sein, war der Schlüssel zur Entwicklung der beiden Mobilitätshubs in Bozen und Klobenstein.

Mobilitätshub Bozen Bahnhof

Schon 1907 bestand durch den notwendigen Betriebshalt am Rittnerbahnhof der Übergang zum Fernverkehr am benachbarten normalspurigen Bahnhof. Mit der Umrüstung auf Seilbahnbetrieb blieb diese Verknüpfung – fußläufig deutlich verbesserungswürdig – erhalten. 

Talstation der Seilbahn

Als weiteres Verkehrsangebot befindet sich zwischen Bahnhof und Seilbahnstation seit Mai 2018 der betriebsame, moderne, aber dennoch nur vorläufige ZOB, an dem mit einem dichten Liniennetz vor allem die Verbindung zu den Bergdörfern in der engeren und weiteren Umgebung hergestellt wird. Langfristig ist vorgesehen, mit der Umgestaltung des Bahnhofsareals den Busbahnhof direkt unter dem umzugestaltenden Bahnhof anzulegen. 

Busbahnhof als Provisorium

Völlig ungelöst ist bisher das Problem des ruhenden Fahrradverkehrs im Bahnhofsumfeld. Die Vielzahl der abgestellten Fahrräder zeigt aber auch den Erfolg der Fahrradförderung in Bozen (siehe Teil 1). 

Ungelöste Unterbringung abgestellter Fahrräder

Mit der Bahnhofsallee im Bahnhofspark – die ehemalige Trasse der Rittnerbahn – besteht eine attraktive Fußwegachse vom Bahnhof zum Waltherplatz bzw. in die Altstadt. 

Allee zwischen Bahnhof und Altstadt auf ehemaliger Bahntrasse

Mobilitätshub Klobenstein (Gemeinde Ritten)

Klobenstein ist der Standort des zweiten Mobilitätshubs. Topografisch und stadträumlich bedingt handelt es sich um zwei fußläufig erreichbare, 200 m voneinander entfernte Verknüpfungspunkte um den Bahnhof und den Busbahnhof. 

Am Bahnhof befindet sich neben der Rittnerbahn eine Bushaltestelle, die Möglichkeit, Fahrgäste abzusetzen oder aufzunehmen (K+R), und ein attraktiver, weitgehend autofreier Bahnhofsvorplatz mit Gastronomie in dem alten Empfangsgebäude.

Moderner Tiebwagen im Bahnhof Klobenstein (siehe auch historisches Foto oben) 


Historisches Empfangsgebäude mit neugestaltetem Vorplatz

Am Busbahnhof gibt es neben dem überdachten Bussteig einen Parkplatz als Kurzparkzone und eine Tiefgarage als P+R-Anlage. 

Busbahnhof Klobenstein