Mailand – ÖPNV
ohne Ende
Hier nun der letzte Teil unserer kleinen Mailand-Reihe. Das
im Titel stehende "ohne Ende" ist dabei doppelt zu verstehen: Zum
einen ist fast jeder Winkel in der Stadt mit knapp 1,4 Mio. Einwohnern gut mit
dem ÖPNV zu erreichen und zum anderen ist kein Ende des weiteren Ausbaus abzusehen.
S- und Metro
Das regionale Rückgrat des ÖPNV bildet das S-Bahnnetz,
dessen Infrastruktur kontinuierlich ausgebaut und in seiner Leistungsfähigkeit
optimiert wird. Das S-Bahnnetz ist im Stadtgebiet an Knotenbahnhöfen nur teilweise mit dem Fernverkehr (der Bahnhof Milano Centrale ist nicht eingebunden!), aber eng mit
dem U-Bahnnetz verknüpft und dient damit auch innerstädtischen Fahrten.
Das eigentliche innerstädtische Rückgrat des ÖPNV bildet das
Metronetz mit fünf Linien, mehr als 134 Stationen und 112 km Länge. Eine
Vielzahl von Kreuzungsbahnhöfen zwischen den U-Bahnlinien bietet eine flexible
Routenwahl mit hoher Flächendeckung. Die jüngsten Linien M4 und M5 sind
vollständig automatisierte, fahrerlose Linien. In der Hauptverkehrszeit
verkehrt die Metro im zentralen Bereich alle 2- 4 Minuten, in der
Nebenverkehrszeit alle 6 bis 10 Minuten. Für die nächsten Jahre werden mehrere
Linienverlängerungen angestrebt, die teilweise bereits im Bau sind (M1 Verlängerungen
nach Norden und Westen, M4 nach Osten, M5 nach Norden, potenziell neue Linie M6).
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| U-Bahnstation der vollautomatsierten Linie M4 |
Straßen- und Schnellstraßenbahnen
Neben dem Metronetz unterhält Mailand ein ungewöhnlich
großes Straßenbahnnetz mit 17 Linien und einem Streckennetz mit rund 157 km. Das
Netz ist qualitativ sehr unterschiedlich. Es reicht von den berühmten und im
Stadtbild weiterhin im regulären Linienverkehr präsenten Straßenbahnwagen aus
den 1920er Jahren über ältere Gelenkwagen bis zu modernen Niederflurfahrzeugen.
Das ist zugleich Stärke und Schwäche des Systems: Die Straßenbahn bietet viele
Direktverbindungen und einen sehr hohen Erschließungsgrad in der Fläche, muss aber
auf vielen Streckenabschnitten im Kfz-Verkehr mitschwimmen. Die
Reisegeschwindigkeit ist in Folge gegenüber der Metro deutlich geringer.
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| Historische Straßenbahn im Regeldienst |
Deshalb wird das Netz der Schnellstraßenbahnen (Metrotranvie)
derzeit massiv ausgebaut. Es geht vor allem darum, das Metronetz um
verkehrsbedeutsame Tangentialverbindungen zu ergänzen. Das betrifft aktuell die
Metrotranvia Interquartiere Nord (Linie 7). Das 14 km lange Vorhaben soll die
nördlichen Peripherieviertel miteinander verbinden, ohne dass Fahrgäste den
Umweg über das Stadtzentrum nehmen müssen.
Bus- und O-Buslinien
Einen weiteren ÖPNV-Baustein bilden 139 Buslinien mit einem
Streckennetz von rund 1.500 km. Von besonderer Bedeutung sind die O-Busse (Filobus)
mit vier Linien, die sich mit 40 km Länge zu einem Ring um die innere Stadt
ergänzen. Die O-Busse, die sich die Fahrbahn bisher oft mit dem
Individualverkehr teilen, erhalten baulich getrennte und geschützte Fahrstreifen,
verbunden mit Maßnahmen zur Busbeschleunigung an den Knotenpunkten. Die neuen,
geschützten Abschnitte werden für autonomes Fahren vorgerüstet; Testläufe sind
vorgesehen.
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| Baustelle zur Weiterentwicklung der O-Busringlinie |
Aufwertung Stadtgestalt
Auffallend ist, dass die Stadt Mailand die Entwicklung des
ÖPNV häufig nutzt, parallel die Stadtgestalt aufzuwerten. Hier einige
Beispiele:
Die Stadt verknüpft den
Ausbau des O-Busnetzes systematisch mit der Erstellung neuer Radwege und
verkehrsberuhigter Zonen. Neben den Radwegen investiert die Stadt an den
O-Bus-Trassen in die Pflanzung hunderter neuer Platanen oder die Schaffung von großflächigen
Rain Gardens (Versickerungsbeete) zur Klimaanpassung.
Mit dem Bau der Metrolinie M4 wurde eine Hauptverkehrsachse aus
dem Netz genommen (Corso Indipendenza – Corso Plebisciti – Viale Argonne) und
auf dem Tunnelbauwerk einen Grünzug mit vielfältigen Nutzungsangeboten geschaffen.
Hier gibt es neben Parkanlagen mit Alleen und Biotopflächen, großzügige Fuß-
und Radverbindungen, Liegewiesen, Spielplätze, unterschiedliche Sportangebote
oder die in Mailand häufig anzutreffenden Hundeparks. Durch den Metrobau ist die
ehemalige Hauptverkehrsstraße ein hochwertiger Teil des Wohnumfeldes geworden
und überwindet die ehemalige Trennung zwischen den benachbarten Stadtteilen.
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| Rückgebaute Verkehrsstraße mit Grünzug auf dem U-Bahntunnel |
Flankierend zur Förderung des ÖPNV werden Kapazitäten aus dem Netz der Hauptverkehrstraßen herausgenommen. Zuvor wurde ein Beispiel im Zusammenhang mit dem Ausbau des Metronetzes vorgestellt, einen anderen Weg begeht die Stadt mit dem Corso Buenos Aires - eine der größten Shopping-Meilen Europas. Für 1,5 Mio. EUR wurde die ehemals eintönige vierstreifige Straße zugunsten einer deutlichen Verbreiterung der Gehwege, Neugestaltung und sichere Trennung der Radwege und mehr Begrünung durch neue Baumbeete städtebaulich aufgewertet.
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| Nach Umbau: Breite Gehwege, Begrünung, geschützter Radfahrstreifen, zwei Fahrestreifen |
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| Führung Radfahrstreifen an Bushaltestelle, Parkbucht für ankommende Hotelgäste |
Der bisher als Parkplatz genutzte Vorplatz des Bahnhofs Umgestaltung Porta Garibaldi (Piazza Sigmund Freud) wurde 2006 klimafreundlich in
eine begrünte Fußgängerzone umgewandelt: neue Bäume, bepflanzte Beete, flache
Wasserspiegel (Pools) sowie begrünte Aufenthalts- und Ruhebereiche. Fuß- und
Radwege wurden stark verbreitert und barrierefrei ausgebaut. Durch die
Neugestaltung erhalten angrenzende Geschäfte und Gastronomie Platz für
Außenbereiche.
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| Zukünftiger Wasserspiegel als Teil der Umgestaltung des Bahnhofsplatzes |
Die Piazza Cordusio war und ist mit einer Metrolinie und
vielen Straßenbahnlinie der zentrale ÖPNV-Knoten in der Altstadt, wurde aber
auch vom fließenden und ruhenden Kfz-Verkehr beherrscht; die Qualität für den
Fuß- und Radverkehr war dementsprechend gering. 2025/26 hat der Platz ein neues
Gesicht erhalten. Die ursprüngliche, Ende des 19. Jahrhunderts konzipierten
stadtbildprägenden elliptische Form des Platzes wurde wiederhergestellt und
gestalterisch klarer geordnet. Insgesamt umfasst das Projekt die Neugestaltung
von 6.000 m², die Fußverkehrsflächen wurden um rund 1.100 m² erweitert. Vor
allem aber ist die Piazza Cordusio nach Abschluss der Arbeiten für den
Individualverkehr gesperrt und nur noch für Straßenbahnen und Einsatzfahrzeuge
zugänglich. Aus historischen Gründen, aber auch durch die Bindungen der
Straßenbahninfrastruktur und der darunterliegenden U-Bahnstation ist ein weitgehend
steinerner Platz verblieben, dennoch lockern einzelne, großflächige Beete die
Fläche auf.

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| Impressionen von der neugestalteten Piazza Cordusio |
Und zu guter Letzt: Das
Bezahlsystem im ÖPNV ist volldigitalisiert und einfach zu handhaben, die Tarife
fair: Einzelfahrt 2,20 EUR mit Umsteigen innerhalb 90 Minuten, 24-Std.-Karte
7,60 EUR, 32-Std. Karte 15,50 EUR.