Mailand: Öffnet die Plätze – Piazze Aperte
Planungswerkzeug "Taktischer Städtebau"
Piazze Aperte (wörtlich: "offene Plätze") ist ein seit 2018 aufgebautes Mailänder Programm, das als "taktischer Städtebau" bezeichnet wird. Entscheidend sind dabei weniger die auffallend farbige Gestaltung des Asphalts, die Pflanzkübel und das weitere Stadtmobiliar als das dahinterliegende Planungs- und Umsetzungsverfahren: Flächen des ruhenden und fließenden Kfz-Verkehrs werden zunächst schnell, kostengünstig und reversibel in Aufenthalts- und Fußverkehrsflächen umgewandelt. Die Nutzung wird anschließend beobachtet; erfolgreiche Lösungen können optimiert, verstetigt und schließlich baulich dauerhaft hergestellt werden.
Mailand schiebt damit zwischen Entscheidung und endgültigem Ausbau eine reale Erprobungsphase: Problem erkennen → einfache räumliche Intervention → Nutzung beobachten → korrigieren → verstetigen (oder zurücknehmen) → endgültig bauen. Das Provisorium wird nicht als minderwertige Zwischenlösung verstanden, sondern als Planungsinstrument. Dabei muss der taktische Eingriff nicht dem endgültigen Platz entsprechen. Er kann zunächst prüfen, ob die räumliche Neuverteilung funktioniert. Im Bedarfsfall erlauben die niedrigen Investitionskosten Anpassungen, bevor große Investitionen in eine dauerhafte Straßenraumgestaltung fließen. Damit unterscheidet sich der Ansatz der Piazze Aperte von temporären Sommerstraßen oder Parklets: Die Intervention soll Erkenntnisse für eine dauerhafte Neuordnung des öffentlichen Raums erzeugen.
Fallbeispiele
2018 wurden die ersten beiden Piazze Aperte als Pilotprojekte umgesetzt. 2019 folgten weitere Plätze; anschließend wurde das Verfahren über einen öffentlichen Aufruf auf die gesamte Stadt ausgeweitet. Auf dem ersten Call gingen 65 Vorschläge hervor, 45 wurden umgesetzt. Eine zweite Programmlinie richtet sich seit 2022 gezielt an Schulen und deren Umfeld. Es gingen 87 Vorschläge ein. Aus dem ursprünglichen Piazze-Aperte-Programm ist inzwischen ein Netzwerk von mehr als 50 taktischen Platzprojekten sowie ergänzenden Schulstraßen und Fußverkehrsprojekten mit etwa 56.000 m² zurückgewonnener öffentlicher Fläche entstanden.
Die Kreuzung Via Spoleto/ Via Venini wurde 2019 testweise umgestaltet. Zuvor dominierte die Verkehrsfunktion. Durch Flächenmarkierungen, Möblierung und Verkehrsanpassungen entstand ein deutlich wahrnehmbarer Aufenthaltsbereich. Das Projekt wurde gemeinsam mit lokalen Akteuren entwickelt und steht exemplarisch für die Verbindung von Verkehrsplanung und Placemaking. Das Beispiel zeigt, Piazze Aperte benötigen keinen historisch vorhandenen Platz, auch überdimensionierte Kreuzungen, Fahrbahnteiler oder Parkierungsflächen können durch eine neue Verkehrsorganisation zu einem "Platz" verbunden werden.
Die Piazze Aperte auf der Piazzale Bacone entstand 2021 aus einem öffentlichen Beteiligungsverfahren mit mehreren lokalen Initiativen und Elternorganisationen. Bürger halfen sogar bei der Bodenbemalung, die allerdings nach vergleichsweise kurzer Zeit erneuert werden musste.
Von den bis 2026 eingeführten taktischen Projekten wurden bisher nur sechs – also etwas mehr als zehn Prozent – tatsächlich in dauerhafte bauliche Lösungen überführt. Hier die Beispiele Piazzale Lavater und Via Rovereto/ Via Guiseppe Giacosa/ Parco Trotter. Bei den dauerhaft umgesetzten Projekten fällt auf, dass in der Testphase zwar "quietschbunte" geometrische Formen verwendet werden, der Endausbau dagegen eher zurückhaltend mit einheitlichen Materialien erfolgt.
Gewonnene Erfahrungen
Nach rund acht Jahren lassen sich fünf wesentliche Erkenntnisse herausarbeiten.
Erstens: Die entscheidende Innovation ist Geschwindigkeit. Eine räumliche Idee kann sichtbar und erlebbar gemacht werden, bevor ein investives Projekt vollständig durchgeplant und finanziert ist. Bürger diskutieren dann nicht mehr über abstrakte Pläne, sondern über einen tatsächlich nutzbaren Raum.
Zweitens: Reversibilität kann Akzeptanz erhöhen. Der
politische Konflikt lautet nicht sofort "Dieser Parkplatz fällt endgültig
weg", sondern zunächst "Wir probieren diese Nutzung aus".
Änderungen bleiben möglich. Das senkt die Schwelle zur
Veränderung.
Drittens: Das Verfahren erzeugt Daten. Zahlen zum Fu-
und Radverkehr, Aufenthaltsverhalten, Konflikte zwischen Verkehrsarten,
Pflegebedarf und tatsächliche Nutzung können vor einer endgültigen Investition
beobachtet werden.
Viertens: Beteiligung funktioniert besonders gut,
wenn es bereits organisierte lokale Akteure gibt. Sie können Projekte leichter
initiieren und betreuen als sozial schwächere Gebiete ohne vergleichbare
Organisationsstrukturen. Das kann zu einer ungleichen räumlichen Verteilung durch
die "Bevorzugung" gut organisierter Quartiere führen.
Fünftens: Die Verwaltung selbst verändert sich.
Frühere, teilweise getrennte Zuständigkeiten für Mobilität, Stadtplanung, Grün,
Polizei, Quartiersarbeit usw. mussten für die Piazze Aperte überwunden werden,
um gemeinsam tragfähige Kompromisse finden.
Es zeigt sich zudem, dass die auffällige temporäre Gestaltung keine dauerhafte Gestaltung ersetzt. Ein Provisorium funktioniert planerisch hervorragend, solange klar ist: testen → bewerten → entscheiden. Wenn daraus testen → Provisorium jahrelang stehen lassen wird, besteht die Gefahr, dass der alte Leitsatz ztrifft: "Nichts hält länger als ein Provisorium". Dann entstehen Verschleiß, gestalterische Defizite und der Eindruck, die temporäre Ausstattung sei bereits die endgültige Gestaltung. Taktischer Städtebau ist kostengünstig in der Herstellung – aber nicht automatisch dauerhaft kostengünstig im Betrieb.
Fazit
Taktischer Städtebau ist vor allem als reales Planungs- und Beteiligungsexperiment wirksam: Eine kostengünstige, reversible Neuaufteilung des Straßenraums ermöglicht es, Nutzung und Akzeptanz vor einer dauerhaften Investition zu testen. Die Stärke liegt weniger in der temporären Gestaltung selbst als in der Verbindung von schneller Umsetzung, Evaluation, Beteiligung und anschließender Verstetigung.
Hinweis:
Im Internet gibt es auf der Homepage der Stadtverwaltung Mailand verschiedene
Veröffentlichungen zu den Piazze Aperte, insbesondere eine englischsprachige
Broschüre "Piazze Aperte: English report", die einen guten Überblick
bietet. Hier sind jedoch viele bunte Bilder mit vielfältig genutzten und stark
frequentierten Piazze Aperte zu finden, die vermutlich am Tag der Eröffnung
aufgenommen wurden und heute nicht mehr so ganz der Wirklichkeit
entsprechen.





