Bozen, Teil 2 – Seilbahn und Überlandstraßenbahn
Alle reden von der Renaissance der Straßenbahn oder dem Einsatz von Seilbahnsystemen als Teil des ÖPNV – für Bozen ein alter Hut.
Die Historie
Um die Jahrhundertwende war das Hochplateau des Ritten bereits ein renommierter Ort für die "Sommerfrische" wohlhabender Bozner Bürger. Die Anreise mit Pferdefuhrwerken über steile Wege war jedoch beschwerlich. Die Geschichte einer modernen Verkehrsverbindung zwischen Bozen und dem Ritten begann 1907 mit einer legendären Schmalspurbahn. Das technisch Besondere war das dreigeteilte System, das ohne Umsteigen bewältigt wurde: Vom Waltherplatz fuhr die Bahn als elektrischer Triebwagen ein kurzes Stück durch die Stadt bis zur Station Rittner Bahn. Für die weitere, 4,1 km lange Steigungsstrecke nach Maria Himmelfahrt mit 1.000 m Höhenunterschied wurde eine Zahnradlokomotive hinter den Triebwagen gespannt, die den Zug mit 7 km/h nach oben schob. In Maria Himmelfahrt wurde die Zahnradlok abgekoppelt und der Triebwagen befuhr aus eigener Kraft die flache Panorama-Strecke über Oberbozen nach Klobenstein.
| Historischer Triebwagen 1987 am Bahnhof Klobenstein |
Die zeitintensive Zahnradstrecke war in den 1960er-Jahren nicht mehr zeitgemäß und wurde nach einem schweren Unfall eingestellt.
Seit dem 14. Juli 1966 ersetzt eine klassische Seilbahn die Zahnradbahn mit der Talstation auf dem Gelände des ehemaligen Rittner Bahnhofs. Mit der beachtlichen Streckenlänge von 4.565 m galt sie 1966 als eine der längsten Personenseilbahnen der Welt. Die Pendelbahn mit nur zwei gegenläufigen Kabinen hatte eine Kapazität von nur 250 Personen pro Stunde. Nach über 40 Jahren Betrieb und mehr als einer Million Fahrgästen war die Kapazitätsgrenze endgültig erreicht. Im September 2007 trat sie ihre letzte Fahrt an.
Am 23. Mai 2009 wurde die heutige Rittner Seilbahn als eine der ersten modernen Dreiseil-Umlaufbahnen eröffnet. Die Fahrzeit zwischen Bozen und Oberbozen beträgt 12 Minuten. Durch den abwechslungsreichen Blick auf den Bozener Talkessel mit der Altstadt, sowie Weinberge und Almwiesen im Vorfeld des Ritten ist die Fahrt kurzweilig.
| Blick aus der Seilbahn auf die Talstation und den Bahnhof Bozen |
| "Überlandfahrt" auf dem Weg nach Klobenstein |
| Bergstation Klobenstein |
Statt starrer Fahrzeiten erlauben die 10 rundum verglasten Kabinen einen dichten Takt von bis zu 4 Minuten. Die Förderleistung erreicht damit 720 Personen pro Stunde. Selbst bei starker Nachfrage ergeben sich nur geringe Wartezeiten.
Bürgerproteste und der touristische Wert verhinderten die Stilllegung der flachen Panoramastrecke von Oberbozen nach Klobenstein. In den 1980er/90er Jahren wurde die Bahn modernisiert, behielt aber ihren nostalgischen Charme.
| Bergstation der Seilbahn mit wartendem Zug der Rittnerbahn |
| Blick auf das Schlkernmassiv |
Heute verkehren moderne Triebwagen, unter anderem ausgemusterte Bahnen aus St. Gallen/ Schweiz, und zu besonderen Anlässen Original-Holzwaggons von 1907 – sie gelten als die ältesten noch im regelmäßigen Dienst stehenden Straßenbahnwagen der Welt (siehe oben).
| Triebwagen mit dem Empgangsgebäude im Bahnhof Klobenstein |
Die Seilbahn ist keine touristische Seilbahn mit den
üblichen hohen Fahrpreisen, sondern ist integraler Bestandteil des ÖPNV-Systems in
Bozen. Eine Bergfahrt kostet 8,50 EUR, mit Seilbahn/ Zug von Bozen bis
Klobenstein 12,50 EUR bzw. 13,50 EUR und 20,50 EUR für die Hin- und Rückfahrt. Das
"normale" Monatsabo kostet 39,00 EUR. Der Clou ist jedoch: Mit dem
Südtiroler Gästepass, den die teilnehmenden Beherbergungsbetriebe kostenlos an
ihre Gäste ausgeben, kann der ÖPNV in ganz Südtirol kostenlos benutzt werden,
so auch die Seilbahn und Rittnerbahn. Teil des ÖPNV zu sein, war der Schlüssel
zur Entwicklung der beiden Mobilitätshubs in Bozen und Klobenstein.
Schon 1907 bestand durch den notwendigen Betriebshalt am Rittnerbahnhof der Übergang zum Fernverkehr am benachbarten normalspurigen Bahnhof. Mit der Umrüstung auf Seilbahnbetrieb blieb diese Verknüpfung – fußläufig deutlich verbesserungswürdig – erhalten.
| Talstation der Seilbahn |
Als weiteres Verkehrsangebot befindet sich zwischen Bahnhof und Seilbahnstation seit Mai 2018 der betriebsame, moderne, aber dennoch nur vorläufige ZOB, an dem mit einem dichten Liniennetz vor allem die Verbindung zu den Bergdörfern in der engeren und weiteren Umgebung hergestellt wird. Langfristig ist vorgesehen, mit der Umgestaltung des Bahnhofsareals den Busbahnhof direkt unter dem umzugestaltenden Bahnhof anzulegen.
| Busbahnhof als Provisorium |
| Ungelöste Unterbringung abgestellter Fahrräder |
Mit der Bahnhofsallee im Bahnhofspark – die ehemalige Trasse der Rittnerbahn – besteht eine attraktive Fußwegachse vom Bahnhof zum Waltherplatz bzw. in die Altstadt.
| Allee zwischen Bahnhof und Altstadt auf ehemaliger Bahntrasse |
Mobilitätshub Klobenstein (Gemeinde Ritten)
Klobenstein ist der Standort des zweiten Mobilitätshubs. Topografisch und stadträumlich bedingt handelt es sich um zwei fußläufig erreichbare, 200 m voneinander entfernte Verknüpfungspunkte um den Bahnhof und den Busbahnhof.
Am Bahnhof befindet sich neben der Rittnerbahn eine Bushaltestelle, die
Möglichkeit, Fahrgäste abzusetzen oder aufzunehmen (K+R), und ein attraktiver,
weitgehend autofreier Bahnhofsvorplatz mit Gastronomie in dem alten
Empfangsgebäude.
Moderner Tiebwagen im Bahnhof Klobenstein (siehe auch historisches Foto oben) |
| Historisches Empfangsgebäude mit neugestaltetem Vorplatz |
Am Busbahnhof gibt es neben dem überdachten Bussteig einen Parkplatz als Kurzparkzone und eine Tiefgarage als P+R-Anlage.
| Busbahnhof Klobenstein |