Montag, 24. August 2026

Synergetischer Lärmschutz – die Zukunft der Lärmaktionsplanung?

 

Das kurz vor Abschluss stehende UBA-Forschungsvorhaben "Konzept für einen synergetischen Lärmschutz" hat naturgemäß verschiedene Ansatzpunkte. Nachdem sich der Aufsatz in der Straßenverkehrs-technik "Synergetischer Lärmschutz und strategische Verkehrs-planung – ganzheitlich planen, mehrfach profitieren" in Heft 5, 2026, primär die synergetischen Bezüge zur Verkehrsplanung behandelt hat, folgt nun in der Zeitschrift Lärmbekämpfung, Heft 5, 2026, ein Aufsatz mit dem Schwerpunkt "Synergetischer Lärmschutz – die Zukunft der Lärmaktionsplanung?".

Es stellt sich die Frage, ob die bisher häufige Beschränkung auf lokal wirksame Maßnahmen und angesichts des nicht unerheblichen Staus bei der Maßnahmenumsetzung das bisherige Vorgehen weiterhin zielführend ist oder ob neue Wege zum Lärmschutz gefunden und begangen werden müssen.

Im September 2026 wird der Forschungsbericht der ARGE PRR, Hochschule Karlsruhe, IVU Umwelt GmbH und Stapelfeldt Ingenieurgesellschaft mit einer zusammenfassenden Fachbroschüre im Internet zum Download bereitstehen – wir werden berichten.

Donnerstag, 13. August 2026

VHW-Webinar - Tempo 30: Anordnung, Einsatzbereiche und praktische Umsetzung

Der 5. Runde der Lärmaktionspläne steht vor der Türe. In den meisten Lärmaktionsplänen der 4. Runde ist auf Verkehrsstraßen als Maßnahme die Reduzierung der zulässigen Höchstgeshwindigkeit auf 30 km/h enthalten. Es gibt allerdings in vielen Fällen einen Umsetzungsstau. In der 5. Runde besteht die Pflicht zu evaluieren, welche Maßnahmen umgesetzt wurden und welche Maßnahmen noch offen sind. Jetzt ist also ein guter Zeitpunkt, das Thema noch rechtzeitig anzugehen. 

Die letzten Novellierungen der StVO haben die Anordnungsmöglichkeiten von Tempo 30 auf Verkehrsstraßen deutlich erweitert. Die notwendige straßenverkehrsrechtliche Einzelfallprüfung, sofern nicht im Aufstellungsverfahren des Lärmaktionsplans durchgeführt, ist zwar weiterhin aufwändig, führt aber viel häufiger zu einem positiven Ergebnis als angenommen wird. 

Bereits seit vielen Jahren hat deshalb der vhw – Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e. V. eine Fortbildungsveranstaltung zu dieser Thematik in seinem Angebot. Das Programm wurde nun unter dem Titel "Tempo 30: Anordnung, Einsatzbereiche und praktische Umsetzung" noch stärker auf die rechtlichen Rahmenbedingungen einer Einzelfallprüfung und deren praktische Umsetzung ausgerichtet

Die nächste Veranstaltung findet am Dienstag, den 29. September 2026, als Webinar statt. Bei Interesse sind weitere Informationen unter 

https://www.vhw.de/fortbildung/fortbildungsangebote/details/tempo-30-anordnungen-einsatzbereiche-und-praktische-umsetzung/

zu finden – vielleicht sieht man sich ja!

Mittwoch, 12. August 2026

Mailand: Öffnet die Plätze – Piazze Aperte

Planungswerkzeug "Taktischer Städtebau"

Piazze Aperte (wörtlich: "offene Plätze") ist ein seit 2018 aufgebautes Mailänder Programm, das als "taktischer Städtebau" bezeichnet wird. Entscheidend sind dabei weniger die auffallend farbige Gestaltung des Asphalts, die Pflanzkübel und das weitere Stadtmobiliar als das dahinterliegende Planungs- und Umsetzungsverfahren: Flächen des ruhenden und fließenden Kfz-Verkehrs werden zunächst schnell, kostengünstig und reversibel in Aufenthalts- und Fußverkehrsflächen umgewandelt. Die Nutzung wird anschließend beobachtet; erfolgreiche Lösungen können optimiert, verstetigt und schließlich baulich dauerhaft hergestellt werden.

Mailand schiebt damit zwischen Entscheidung und endgültigem Ausbau eine reale Erprobungsphase: Problem erkennen einfache räumliche Intervention Nutzung beobachten korrigieren verstetigen (oder zurücknehmen)  endgültig bauen. Das Provisorium wird nicht als minderwertige Zwischenlösung verstanden, sondern als Planungsinstrument. Dabei muss der taktische Eingriff nicht dem endgültigen Platz entsprechen. Er kann zunächst prüfen, ob die räumliche Neuverteilung funktioniert. Im Bedarfsfall erlauben die niedrigen Investitionskosten Anpassungen, bevor große Investitionen in eine dauerhafte Straßenraumgestaltung fließen. Damit unterscheidet sich der Ansatz der Piazze Aperte von temporären Sommerstraßen oder Parklets: Die Intervention soll Erkenntnisse für eine dauerhafte Neuordnung des öffentlichen Raums erzeugen.

Fallbeispiele

2018 wurden die ersten beiden Piazze Aperte als Pilotprojekte umgesetzt. 2019 folgten weitere Plätze; anschließend wurde das Verfahren über einen öffentlichen Aufruf auf die gesamte Stadt ausgeweitet. Auf dem ersten Call gingen 65 Vorschläge hervor, 45 wurden umgesetzt. Eine zweite Programmlinie richtet sich seit 2022 gezielt an Schulen und deren Umfeld. Es gingen 87 Vorschläge ein. Aus dem ursprünglichen Piazze-Aperte-Programm ist inzwischen ein Netzwerk von mehr als 50 taktischen Platzprojekten sowie ergänzenden Schulstraßen und Fußverkehrsprojekten mit etwa 56.000 m² zurückgewonnener öffentlicher Fläche entstanden.

Die Kreuzung Via Spoleto/ Via Venini wurde 2019 testweise umgestaltet. Zuvor dominierte die Verkehrsfunktion. Durch Flächenmarkierungen, Möblierung und Verkehrsanpassungen entstand ein deutlich wahrnehmbarer Aufenthaltsbereich. Das Projekt wurde gemeinsam mit lokalen Akteuren entwickelt und steht exemplarisch für die Verbindung von Verkehrsplanung und Placemaking. Das Beispiel zeigt, Piazze Aperte benötigen keinen historisch vorhandenen Platz, auch überdimensionierte Kreuzungen, Fahrbahnteiler oder Parkierungsflächen können durch eine neue Verkehrsorganisation zu einem "Platz" verbunden werden.


Die Piazze Aperte auf der Piazzale Bacone entstand 2021 aus einem öffentlichen Beteiligungsverfahren mit mehreren lokalen Initiativen und Elternorganisationen. Bürger halfen sogar bei der Bodenbemalung, die allerdings nach vergleichsweise kurzer Zeit erneuert werden musste. 

Von den bis 2026 eingeführten taktischen Projekten wurden bisher nur sechs – also etwas mehr als zehn Prozent – tatsächlich in dauerhafte bauliche Lösungen überführt. Hier die Beispiele Piazzale Lavater und Via Rovereto/ Via Guiseppe Giacosa/ Parco Trotter. 
Bei den dauerhaft umgesetzten Projekten fällt auf, dass in der Testphase zwar "quietschbunte" geometrische Formen verwendet werden, der Endausbau dagegen eher zurückhaltend mit einheitlichen Materialien erfolgt.


Gewonnene Erfahrungen

Nach rund acht Jahren lassen sich fünf wesentliche Erkenntnisse herausarbeiten.

Erstens: Die entscheidende Innovation ist Geschwindigkeit. Eine räumliche Idee kann sichtbar und erlebbar gemacht werden, bevor ein investives Projekt vollständig durchgeplant und finanziert ist. Bürger diskutieren dann nicht mehr über abstrakte Pläne, sondern über einen tatsächlich nutzbaren Raum.

Zweitens: Reversibilität kann Akzeptanz erhöhen. Der politische Konflikt lautet nicht sofort "Dieser Parkplatz fällt endgültig weg", sondern zunächst "Wir probieren diese Nutzung aus". Änderungen bleiben möglich. Das senkt die Schwelle zur Veränderung.

Drittens: Das Verfahren erzeugt Daten. Zahlen zum Fu- und Radverkehr, Aufenthaltsverhalten, Konflikte zwischen Verkehrsarten, Pflegebedarf und tatsächliche Nutzung können vor einer endgültigen Investition beobachtet werden.

Viertens: Beteiligung funktioniert besonders gut, wenn es bereits organisierte lokale Akteure gibt. Sie können Projekte leichter initiieren und betreuen als sozial schwächere Gebiete ohne vergleichbare Organisationsstrukturen. Das kann zu einer ungleichen räumlichen Verteilung durch die "Bevorzugung" gut organisierter Quartiere führen.

Fünftens: Die Verwaltung selbst verändert sich. Frühere, teilweise getrennte Zuständigkeiten für Mobilität, Stadtplanung, Grün, Polizei, Quartiersarbeit usw. mussten für die Piazze Aperte überwunden werden, um gemeinsam tragfähige Kompromisse finden.

Es zeigt sich zudem, dass die auffällige temporäre Gestaltung keine dauerhafte Gestaltung ersetzt. Ein Provisorium funktioniert planerisch hervorragend, solange klar ist: testen bewerten entscheiden. Wenn daraus testen Provisorium jahrelang stehen lassen wird, besteht die Gefahr, dass der alte Leitsatz ztrifft: "Nichts hält länger als ein Provisorium". Dann entstehen Verschleiß, gestalterische Defizite und der Eindruck, die temporäre Ausstattung sei bereits die endgültige Gestaltung. Taktischer Städtebau ist kostengünstig in der Herstellung – aber nicht automatisch dauerhaft kostengünstig im Betrieb.

Fazit

Taktischer Städtebau ist vor allem als reales Planungs- und Beteiligungsexperiment wirksam: Eine kostengünstige, reversible Neuaufteilung des Straßenraums ermöglicht es, Nutzung und Akzeptanz vor einer dauerhaften Investition zu testen. Die Stärke liegt weniger in der temporären Gestaltung selbst als in der Verbindung von schneller Umsetzung, Evaluation, Beteiligung und anschließender Verstetigung. 

Hinweis: Im Internet gibt es auf der Homepage der Stadtverwaltung Mailand verschiedene Veröffentlichungen zu den Piazze Aperte, insbesondere eine englischsprachige Broschüre "Piazze Aperte: English report", die einen guten Überblick bietet. Hier sind jedoch viele bunte Bilder mit vielfältig genutzten und stark frequentierten Piazze Aperte zu finden, die vermutlich am Tag der Eröffnung aufgenommen wurden und heute nicht mehr so ganz der Wirklichkeit entsprechen.  

Dienstag, 11. August 2026

Beirat zur Lärmminderung der Stadt Dortmund

Der Rat der Stadt Dortmund hat Jochen Richard in den Beirat zur Lärmminderung berufen. Der Beirat berät die Stadt Dortmund bei der Aufstellung des Lärmaktionsplans, indem er die Inhalte und Maßnahmen des Lärmaktionsplans diskutiert und dabei die verschiedenen Blickwinkel der Mitglieder sowie eigene Impulse und Ideen einbringt. Der regelmäßige und dialogorientierte Austausch zwischen Verbänden, Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Bürgerschaft ist Teil des Mitwirkungsverfahrens. Darüber hinaus sollen die Beiratsmitglieder als Multiplikatoren wirken und sich zu Themen der Lärmaktionsplanung untereinander vernetzen.

Montag, 10. August 2026

Klimawandel in den Schatten stellen

Die letzten Wochen haben mit mindestens 15.800 Hitzetoten (RKI) die dramatischen Folgen des Klimawandels gezeigt, mit der Folge, dass führende Politiker zusichern, in den nächsten Wochen die Wetterentwicklung zu beobachten – und offensichtlich nicht zwischen Wetter und Klima unterscheiden können. Für besonders vulnerable Gruppen stellt sich letztlich die Frage nach der sommerlichen Zukunft des zu Fuß Gehens und damit der eigenständigen Teilhabe am öffentlichen Leben. Hitzeinseln werden zur neuen Barriere.

Es bedarf hier keines weiteren Hinweises, welche Konsequenzen der Klimawandel hat und wie ihm am besten zu begegnen ist. Das ist alles hinlänglich bekannt. Bekannt ist aber auch, dass Maßnahmen zur Klimafolgenbewältigung erst mittel-, wenn nicht langfristig greifen. Wenn wir aber wissen, dass wir nicht warten können, sondern jetzt Erfolge erzielen müssen, dann gibt es für den öffentlichen Raum unter den vielen sinnvollen Handlungsfeldern vor allem ein kurzfristig wirksames Handlungsfeld: mehr Schatten schaffen. Der Bedarf ist groß! 

Berlin, Sommer 2008

Pretoria, Herbst 2017

Athen, Herbst 2024

Mailand, Frühjahr 2026

Schatten bieten zuallererst Bäume, große Bäume. Schattige Räume können aber auch durch Sonnensegel, Pergolen, Rankgerüste und ähnliches, ggf. in Verbindung mit Photovoltaik, vergleichsweise schnell hergestellt werden. Nachfolgend ein paar Anregung, die uns als unmittebar Betroffene bei sommerlichen Reisen aufgefallen sind: 

Parkanlagen benötigen ein größeres Angebot an schattigen Sitzmöglichkeiten. Baumpflanzungen können neue Standorte kreieren. Das Umsetzen von Bänken je nach Jahreszeit oder flexible bzw. mobile Sitzmöglichkeiten können die Anpassungsstrategie unterstützten. Schatten verhindert zudem, dass sich Sitzgelegenheiten in der Sonne übermäßig aufheizen.

Bänke im Schatten sind belegt, Bänke in der Sonne (Hintergrund) unbenutzt (Mailand)

 

Es sollte selbstverständlich sein, ist es aber nicht: Spielplätze müssen zum Schutz der Kinder ausreichende Schattenbereiche besitzen, was gleichzeitig überhitzte Spielgeräte vermeidet. Wasserspiele tragen zur Kühlung des Umfeldes bei.                                                             

Spielangebote im Schatten alter Bäume (Hintergrund) mit Wasserspielen in der Sonne (Bonn)

  

An Haltestellen sind wartende Fahrgäste mit ausreichender Kapazität vor direkter Sonneneinstrahlung zu schützen. Das kann neben Bäumen auch entsprechende bauliche Anlagen umfassen.                                                                                            

Bushaltestelle mit durchlüftetem und intensiv begrüntem Wetterschutz (Eindhoven)


Bisher haben Fußgängerzonen bzw. Einkaufsstraßen ihre höchste Fußgängerfrequenz auf der "Sonnenseite". Für die Sommermonate gilt das nur noch bedingt. Mehr Schatten ist ein Element, ein verträgliches Ganzjahresklima auf beiden Straßenseiten herzustellen. Hier sind auch temporäre Elemente gut vorstellbar.

Transparentes Schattendach für einen Boulevard (Sevilla)


Die Wartezeiten an Lichtsignalanlagen sind zu überprüfen, um die Wartezeiten auf das unbedingt notwendige Maß zu beschränken. Für vulnerable Gruppen verlängern sich zudem die Räumzeiten. Startgrün, Sofortgrün mit Zusatzanforderung, Zwischengrün, Dauergrün mit Kfz-Anforderung, mehr Fußgängerüberwege/ Mittelinseln) sind diesem Zusammenhang neu zu bewerten. Mit einer wetterabhängigen Signalsteuerung könnten Fußgänger bei mehr als 33° Celsius Vorrang erhalten  mehr Schatten bildet hier eher die Ultima Ratio.  
 
Bei Regen werden Radfahrer detektiert und erhalten Vorrang in der Signalsteuerung (Rotterdam)


Wenn Straßenräume um- oder rückgebaut werden: Kleine Bäume sind zwar kostengünstig, bilden aber erst nach fünf oder zehn Jahren eine schattenspendende Krone aus. Aus Klimaschutzgründen ist die Pflanzung von größeren Bäumen mit ausgebildeter Krone zu empfehlen.

"Schattenstreifen" nach Straßenumbu (Athen)

Straßenumbau mit großkronigen Bäumen für "Sofortschatten" (Wien)

 

Abschließend ein ganz anderes Thema: Während dieser Text geschrieben wird, herrscht in unserer Blockinnenfläche (eine öffentliche Grünfläche) wegen der extremen Hitze Stille. Kein einziger Vogel ist zu hören. Hierzu die Empfehlung des NABU: "Vogeltränken sind essenzielle Elemente im naturnahen Garten (Anm.: und Balkon) – besonders in heißen oder trockenen Phasen. Sie versorgen Vögel mit Trinkwasser und bieten vielen Arten eine Möglichkeit zur Gefiederpflege. Zudem ziehen sie auch Nützlinge wie Igel, Insekten oder Eichhörnchen an und machen den Garten zu einem lebendigen Treffpunkt der Artenvielfalt" - das macht das Umfeld zumindest ein  kleinwenig lebenswerter.