Dienstag, 8. September 2026

Stadtentwicklungsprojekte in Mailand: Blick in die Zukunft oder die letzten Dinos?

Weltweit zeichnen sich Finanzmetropolen durch ihre Skyline aus, eine Demonstration der Macht als Zeichen des Selbstverständnisses des Finanzsektors. Verräterisch sind die beliebten "Nadeln", die sinn- und nutzlos den eigenen Turm über die Gebäudehöhe des Nachbarn verlängern. Mailand als das italienische Finanzzentrum hat diesbezüglich seit der Jahrtausendwende mächtig aufgeholt, vor allem mit den beiden großen Stadtentwicklungsprojekten "Porta Nuova" und "CityLife".

Aus unserer kleinen "Mailand-Reihe" ist der hier vorgestellte Themenschwerpunkt der schwierigste: Die Frage, ob es sich um reinen Gigantismus oder um kluge Stadtentwicklung (oder beides) handelt, ist in einem Post kaum qualifiziert zu diskutieren. Die Präsentation der beiden Projekte hilft vielleicht ein wenig einerseits bei der alten Diskussion, eher in die Fläche oder besser in die Höhe gehen, und bei der Frage, ob die Zukunft in einer investorengesteuerten Stadtentwicklung liegt oder hier eher die letzten Dinos eines überkommenen Städtebaus zu sehen sind.


Porta Nuova

Porta Nuova ist ein großangelegtes innerstädtisches Konversionsprojekt. Das Gebiet liegt im Schnittpunkt zwischen historischem Zentrum und dem traditionellen Viertel Isola, zwischen den Bahnhöfen Milano Centrale und Garibaldi. Auf einer Fläche von rund 29 ha wurden ehemalige Bahnanlagen, Betriebsflächen und jahrzehntelang brachliegende Grundstücke neu geordnet. Die Realisierung erfolgte im Wesentlichen zwischen 2005 und 2014.  

Um die zentrale Piazza Gae Aulenti befinden sich in einem Kranz von Hochhäusern überwiegend Büronutzungen und exklusives Wohnen. Der geschwungenen UniCredit Tower von César Pelli beherrscht das Ensemble. Mit seiner Nadelspitze erreicht er eine Höhe von 231 m und prägt die Silhouette Mailands. 

Neben dem Einkaufszentrum befinden sich in den Erdgeschosszonen weiterer Einzelhandel und gastronomische Angebote, die das Viertel erkennbar beleben.

Die Gestaltung der Piazza Gae Aulenti zeigt den ganzen Widerspruch eines solchen Konzepts: Hochhaustürme, viel Glas und Beton, versiegelte Flächen, kein Grün – aber auch ausgedehnte Wasserflächen zur klimatischen Kompensation, vor allem für Kinder eine Attraktion. 

Einen vollständigen Gegensatz dazu bildet der Park Biblioteca degli Alberi Milano mit etwa 9 ha im Übergang zum kleinteiligen Stadtviertel Isola. Hier stehen die beiden begrünten Wohntürme Bosco Verticale von Stefano Boeri, 110 m und 76 m hoch. Ihre Balkone tragen etwa 800 Bäume sowie Tausende Sträucher und weitere Pflanzen. Der technische Aufwand ist enorm: Tragfähigkeit der Balkone, Bewässerung, Windfestigkeit und die Auswahl der Pflanzen mussten für jede Gebäudeseite gesondert geplant werden.

Verkehrlich ist das Entwicklungsgebiet vielfältig eingebunden. Auf der +1-Ebene ergibt sich ein autofreier Bereich, da die stadtautobahnähnliche Viale Luigi Sturzo überdeckelt ist. Die Piazza Gae Aulenti verbindet den Fuß- und Radverkehr mit dem benachbarten Stadtteilen Isola und Porta Garibaldi, dem Bahnhof Garibaldi und mit der exklusiven Fußgänerzone Corso Como. Die U-Bahnstation Garibaldi FS und der Bahnhof Garibaldi befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft. Der Bahnhofsvorplatz, bisher als Parkplatz genutzt, wird derzeit (2026) aufwändig entsiegelt und mit Wassserflächen zur Verbesserung der Kleinklimas versehen.

Die Entwirklung von Porta Nuova ist noch nicht abgeschlossen. Die zweite Entwicklungsstufe entlang der Via Melchiorre Gioia ist unter anderem mit dem Palazzo Lombardia teilweise umgesetzt. Nach den Planungen soll sich die Fläche des Entwicklungsgebiets durch die Erweiterung ungefähr verdoppeln.


CityLife 

CityLife ist neben Porta Nuova das zweite Stadtentwicklungs-Ufo in Mailand – allerdings mit einem ganz anderen Charakter. Während Porta Nuova sich bemüht, ein Stück gewachsene Innenstadt neu zusammenzusetzen, entstand CityLife mit 37 ha inselartig auf dem nach 2005 weitgehend freigeräumten Areal des früheren Messegeländes. 

Den 2004 entschiedenen Wettbewerb gewann ein Team um Zaha Hadid, Arata Isozaki und Daniel Libeskind. Das Konzept verbindet Wohnungen, Büros, Einzelhandel und Freizeitangebote mit einem großen öffentlichen Park als "Kragen" des Entwicklungsgebiets. Mit rund 178.000 m² umfasst der Park mehr als die Hälfte des Areals. 

Das weithin sichtbare Zentrum bilden die drei Türme Torre Allianz (Il Dritto – "Der "Gerade", 209 m) von Arata Isozaki und Andrea Maffei, Torre Generali (Lo Storto - "Der Verdrehte", 170 m) von Zaha Hadid und der Torre Libeskind/ PwC Tower (Il Curvo – "Der Krumme", 175 m) von Daniel Libeskind. Gemeinsam bilden sie eine bewusst komponierte Architekturskulptur. Die Verdrehung und Krümmung der Türme lässt sie aufeinander reagieren. 

Unterhalb der Türme befindet sich die Piazza Tre Torri auf mehreren Ebenen. Sie bildet das Zentrum des neuen Stadtviertels und bietet ein aufgegliedertes Einzelhandels- und Gastronomieangebot mit einem 2017 eröffneten Einkaufszentrum. Die Metrostation Tre Torri verbindet trotz der etwas abseitigen Lage CityLife direkt mit der Porta Garibaldi und anderen zentralen Bereichen.


Am äußeren Rand des Parks liegen gehobene Wohnanlagen, Entworfen von den Architekten Hadid und Libeskind. Hadids Gebäude besitzen fließende Fassaden und langgezogene, abgerundete Balkone. Libeskinds Gebäude greifen den traditionellen Mailänder Wohnhof auf, lösen ihn aber in geschwungene, skulpturale Baukörper auf. 


Im August 2026 ist CityLife noch nicht ganz abgeschlossen. Am nordöstlichen Eingang ist die gigantische CityWave in Bau. Zwei unterschiedlich hohe Bürogebäude werden durch ein rund 140 Meter langes, geschwungenes Dach miteinander verbunden. Es ist damit kein weiterer Torre, sondern eher ein horizontaler Torbau, den Dimensionen von CityLife folgend. Das Gebäudeensemble umfasst etwa 63.000 Quadratmeter Bürofläche, ergänzt um Gastronomie und Einzelhandel. Das großflächige Photovoltaikdach wird ein prägendes Elementen bilden. 

 


Fazit

Das neue Quartier Porta Nuova beseitigt eine große innerstädtische Brache und schafft neue Fußwegverbindungen zwischen zuvor durch Gleise, Straßen und unbebaute Flächen getrennten Stadtteilen. Die Nutzungsmischung führt zu einer intensiven Nutzung der zentralen öffentlichen Räume. Die Trennung des Fuß- und Radverkehrs vom Kfz-Verkehr schafft autofreie Plätze und es gibt vielfältige Anbindung an die benachbarten Stadtteile.

Architektonisch hat das Projekt Mailand ein vollkommen neues Erscheinungsbild gegeben. Büros internationaler Unternehmen, teure Wohnungen, Gastronomie und Markenläden dominieren. Besonders im benachbarten Isola stiegen Boden- und Wohnungspreise stark, Teile der dortigen alternativen Kultur- und Bewohnerszene verloren Räume oder wurden verdrängt.

Porta Nuova zeigt auch den zentralen Widerspruch des Projekts: erfolgreiche Wiedergewinnung von Brachflächen und Überwindung von Barrieren, luxuriöse und sozial wenig durchmischte Stadtentwicklung andererseits.

Das Projekt CityLife ist mit Umnutzung des ehemaligen Messegeländes ganz anders konzipiert. Ein außergewöhnlich großer, gut nutzbarer Park, umschließt den zentralen Bereich und bildt die Anbindung an die benachbarten Stadtteile, betont aber zugleich den Inseleffekt des hier gelandeten UFO. Kein Zufall, dass das gigantische Projekt CityWave sich als Tor zu CityLife versteht. Die Nutzungsmischung trägt zu belebten zentralen öffentlichen Räumen bei, allerdings ergeben sich durch die Verschachtelung der mehrgeschossigen Erschießungsebenen gering frequentierte Räume mit geringer sozialer Kontrolle.

Das Quartier lebt stark von der spektakulären Architektur, weniger von kleinteiliger Urbanität und wirkt dadurch kühl und distanziert. Letztlich ist es eine bewusst komponierte Metropolenkulisse. Die hochwertige Wohnbebauung hat eine sozial exklusive Struktur zu Folge.

Im Vergleich wirkt Porta Nuova vielfältiger und ist stärker mit der bestehenden Stadt verflochten. CityLife ist grüner, ruhiger und gestalterisch in sich geschlossener Raum, wirkt aber in seiner Inszenierung deshalb wie von einem fremden Stern gelandet. Gemeinsam ist beiden das städtebauliche Grundprinzip, sich von den Bindungen des Umfeldes zu lösen und ein neues exklusives Stadtviertel zu schaffen. Beide Projekte sind Paradebeispiele einer investorengetriebenen Stadtentwicklung.

Damit schließt das Fazit mit der eingangs gestellten Frage: Sind die beiden Projekte als introvertierte Singuläre ein Blick in die Zukunft der Stadtentwicklung oder die letzten Dinos ihrer Art?